Die Sicherheitslage in Afghanistan zum Ende 2018

Die Sicherheitslage in Afghanistan zum Ende 2018
Vorbemerkung
Am 31. März 2019 endet das derzeitige Mandat für die deutschen Soldaten im Ausland. Für die Entscheidung, das Mandat zu verlängern oder zu beenden, spielt die Sicherheitslage eine wesentliche Rolle. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die zuverlässigste und umfassendste Lagebeurteilung durch den amerikanischen Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) erstellt wird. Dieser muss seine Erkenntnisse, die die gesamte Entwicklung des Landes umfassen, jeweils zum Ende eines Quartals dem US-Kongress vorlegen. Der nachfolgende kurze Beitrag bezieht sich auf den 42. Quartalsbericht des SIGAR vom 30. Januar 2019 und beschränkt sich dabei ausdrücklich auf die Sicherheitslage für die afghanische Bevölkerung und die einheimischen Sicherheitskräfte.

Die aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan
Im Quartalsbericht des SIGAR für den Zeitraum vom 1. Oktober – 31. Dezember 2018 stellt sich die Sicherheitslage wie folgt dar:
Umfang der afghanischen Sicherheitskräfte
Die afghanischen Sicherheitskräfte , Streitkräfte und Polizei, aber ohne die s.g. „local police“ haben ein Soll von 352.000 Mann.
Aktuell werden aber mit 308.693 Mann nur 87,7 % der vorgesehenen Stärke erreicht. Das entspricht einem Minus von 3.635 Mann im Vergleich zum vorherigen Quartal. Nach Aussagen des Pentagons gibt es dafür im wesentlichen folgende Gründe:
• hohe Anzahl von Gefallenen
• Bedrohung durch Terroristen
• viele Deserteure
• schlechte Bezahlung
• kaum Urlaub
• mangelnde Qualitäten des Führungspersonals
Seit Beginn der Operation „Resolute Support“, also von Januar 2015 – Ende 2018 sind 28.520 Sicherheitskräfte gefallen. Das entspricht einem monatlichen Schnitt von 620 Gefallenen. Jeden Tag wurden bislang also mehr als 20 afghanische Familien mit dem Tod eines Angehörigen konfrontiert. Nach Aussage des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani sind seit seinem Amtsantritt im September 2014 insgesamt 45.000 Mann gefallen, was einem monatlichen Schnitt von 849 toten Sicherheitskräften entspricht. Über Verwundete und/oder traumatisierte Soldaten und Polizisten gibt es keine verlässlichen Angaben.
Anteil der Bevölkerung in von der Regierung oder den Taliban kontrollierten Gebieten
Bei dieser Einschätzung wird unterschieden zwischen „controlled or influenced und „contested“, was so viel heißt wie „umstritten“.
In den von der Regierung controlled oder influenced Distrikten leben 63,5 % der Bevölkerung. Das entspricht im Vergleich zum vorherigen Quartal einem Minus von 1,7 %.
10,08 % der Distrikte werden von den Taliban controlled or influenced.
25,6 % der Distrikte werden als „contested“ bezeichnet.
Im Klartext bedeutet das, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Gebieten lebt, in denen die Regierung die Sicherheit nicht gewährleisten kann.
Von Januar – Mitte November 2018 wurden 8.260 Afghanen durch diesen Krieg verletzt oder getötet. Das sind etwa 750 Menschen monatlich oder 30 jeden Tag.
Aufteilung der Distrikte ohne Bezug zur Bevölkerung
53,8% der Distrikte werden von der Regierung „controlled or influenced „, ein Minus von 7 Distrikten im Vergleich zum vorherigen Quartal.
12,3 % der Distrikte werden von den Taliban „controlled or influenced“
33,7 % der Distrikte werden als „contested“ bezeichnet
Im Klartext muss man festhalten, dass nicht auszuschließen ist, dass die Taliban fast die Hälfte des Landes in der Hand haben. Außerdem muss darauf hingewiesen werden, dass man nicht einschätzen kann, was diese Einstufung „controlled or influenced“ wirklich bedeutet. Einfluss haben, heißt ja nicht, dass man wirklich uneingeschränkt das Sagen hat und vor allem auch die Sicherheit gewährleisten kann.
Zusammenfassende Bewertung
Auf der Website des US Central Command heißt es zur Operation Resolute Support:
The Resolute Support (RS) is a NATO-led mission to train, advise and assist the Afghan National Defense and Security Forces (ANDSF).
Ziel dieser NATO Operation ist es, die afghanischen Sicherheitskräfte in die Lage zu versetzen, die Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung und die Stabilisierung des Landes zu übernehmen.
Das ist bislang nicht gelungen, wie der Bericht des SIGAR nachdrücklich feststellt, sondern die Situation hat sich weiterhin verschlechtert. Es stellen sich deshalb zwei grundsätzliche Fragen: Wie lange kann Afghanistan die Sinnhaftigkeit der hohen eigenen Verluste der Bevölkerung noch vermitteln und wann wird die NATO einsehen und sich selbst eingestehen, dass der gesamte Militäreinsatz am Hindukusch gescheitert ist?
Greven, 12. Februar 2019
gez.
Jürgen Hübschen

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Über Jürgen Hübschen

Jahrgang 1945, Oberst a.D. der Luftwaffe
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